Ein Tag am See

Was für ein Wetter! Es ist 10 Uhr morgens und das Thermometer zeigt sage und schreibe 26 Grad Celsius an. In meinem Kopf schwirren die Zeilen des Songtextes der Gruppe 2Raumwohnung ‚36 Grad und es wird noch heisser…‘ . Ich schreibe meiner Schwester eine kurze Nachricht und verabrede mich mit ihr für den frühen Nachmittag. Wir wollen zum nahegelegenen See, um uns bei diesen Temperaturen eine Abkühlung zu gönnen. Wenige Stunden später halte ich vor ihrem Büro und sie steigt ins Auto. Auf dem Weg unterhalten wir uns über die vergangene Woche und über anstehende Aktivitäten am nächsten Wochenende. Die Zeit vergeht und wir erreichen den Parkplatz am Freibad. Ich gebe Jaqueline, meiner Schwester, eine Hose und ein T-Shirt, die ich ihr mitgebracht habe. Im Schutz der offenen Autotür zieht sie sich das Büro Outfit aus und schlüpft in bequemere Kleidung.  Sie zupft ein wenig an der Hose und sagt „Oh, die ist aber eng. Hast du die vorher gar nicht anprobiert?“. Ich antworte etwas spitz „Doch, hab ich. Da hab ich auch mal reingepasst.“ Mit ihrem analytischen Blick begutachtet sie die bunte Hippie-Hose erneut. „Die sieht aber recht neu aus.“ Etwas ungehalten sagte ich „Da hab ich auch nicht lange reingepasst.“ Sie lacht laut los und nimmt den Picknick Korb in die Hand. 

 

Meiner Schwester habe ich zwar gesagt, dass es vom Parkplatz keine fünf Minuten zur Badestelle am See sei, aber das stimmt nicht so ganz. Anders hätte ich sie aber nicht überreden können, die fünfundzwanzig Minuten durch den Wald zu laufen. Schon nach fünf Minuten fängt sie an zu fragen, wie lange es noch sei. Das kann ja heiter werden, denke ich und nuschel eine grobe Wegbeschreibung in meinem nichtvorhandenen Bart. Als wir knapp dreissig Minuten später an der Stelle, die ich bei meinem letzten Spaziergang ausfindig gemacht habe, ankommen, entkleiden wir uns in Windeseile. Außer uns ist nur ein junges Pärchen da, das sich sehr tief in die Augen sieht und uns gar nicht zu bemerken scheint. In unseren Badesachen springen wir in das kühle Nass. Es ist eine herrliche Erfrischung und so drehen wir im ruhigen Tempo unsere Runden. Als wir aus dem Wasser steigen, hat sich das Pärchen bereits zurückgezogen und es scheint als seien wir die einzigen zwei Menschen an diesem ruhigen Ort. Es ist himmlisch. Als ich meinen Badeanzug ausziehe und ihn ins Handtuch wickeln will, halte ich kurz inne. Ich habe auf einmal Lust nackig in den See zu springen. Einfach so. Ganz verrückt. Als ich noch darüber nachdenke, sehe ich im Augenwinkel ein rüstiges Rentnerpaar, das auf ihren e-Bikes angerauscht kommt. Mein Gott sind die schnell. In dem Bruchteil einer Sekunde wäge ich alle Möglichkeiten ab. Der Fluchtinstinkt gewinnt und ich hüpfe, über Baumwurzeln hinweg, in grossen Sätzen zum Ufer. Mit einem Hechtsprung rette ich mich in den blickdichten See. Als ich Sekunden später mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche schieße, halte ich meinen Badeanzug triumphieren in die Luft- aus welchem Grund auch immer. Meine Schwester hält sich vor Lachen den Bauch und sagt an den älteren Herren gewandt „ So schnell war die noch nie im Wasser!“. Er lacht amüsiert und antwortet an mich gewandt „Na, Mädchen, Du kannst Dich aber sehen lassen!“ bevor er sich wieder auf sein E-Bike setzt und davon braust. Ein wenig verschämt und geschmeichelt zugleich, klettere ich aus dem Wasser und nehme dankend das Handtuch entgegen, dass Jaqueline mir reicht. Man ist wohl nie so alleine wie man sich manchmal glaubt. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Karolina (Dienstag, 31 Juli 2018 08:22)

    Grossartig!!! Habe ich gelacht :) Ich will auch nackig in den SEEEEE ;)

    Karo ;) (Von Jacko)

  • #2

    Barbara Marchesan (Dienstag, 14 August 2018 21:09)

    �����das hätte ich gern in Slow Motion gesehen! Ganz toll geschrieben i‘ am pretty amused

  • #3

    Christina (Samstag, 08 September 2018 18:51)

    Wie witzig Du schreibst! Ich freue mich auf weitere Geschichten.