Welcome to America!

Einmal in den USA leben. Das war lange Zeit mein großer Traum. Aus dem Land der Dichter und Denker in den Wilden Westen. Mehrere Jahre in Folge bewarb ich mich für die Green Card- ohne Erfolg. Als ich schließlich den Wunsch aufgegeben hatte, festigte ich meine Wurzeln in meiner Heimatstadt Hamburg. Ich führte ein angenehmes Leben und vermisste es nicht, noch einmal im Ausland gelebt zu haben. Ich hatte ingesamt fünf Jahre in fernen Ländern verbracht und verspürte diesen inneren Drang nicht mehr, der uns zum Reisen antreibt. Und dann kam es anders als erwartet: Man bat mir an für mehrere Monate beruflich in die USA zu gehen. Entgegen meiner üblichen Euphorie vor meinen Auslandseinsätzen war ich diesmal etwas verhaltener. Ich entschied mich dennoch diese Möglichkeit nicht ungenutzt an mir vorbei ziehen zu lassen. 

 

Und so sitze ich nun hier, in einem American Diner irgendwo in Pennsylvania,  einen halben Liter Vanilla- Milkshake vor mir. Getoppt wird das Ganze von einer knallroten Cocktailkirsche, die so naturbelassen aussieht wie die Lippen von Kylie Jenner. Der Applepie wurde noch schnell in der Mikrowelle aufgewärmt bevor die beleibte Kellnerin ihn mit einem freundlichen „Here you go, honey“ auf den Tisch stellt. In den letzten Wochen wurden ich häufiger von Fremden mit Kosenamen begrüsst als in den letzten achtundzwanzig Jahren von meiner eigenen Familie. Und obwohl jeder Honey oder Darling zu sein scheint,  fühle ich mich doch jedes Mal ein kleines bisschen geschmeichelt.

Während ich noch mit dem süssen Dessert kämpfe, beobachte ich die zwei Familien am Nebentisch. Die Kleinsten unter ihnen haben bereits ihren Milchshake vernichtet. Die Kirsche liegt in einem See aus geschmolzener Sahne auf dem Boden. Die Kinder springen über die Stühle, jagen zwischen den Plastikstühlen umher. Mit einem Satz ist der Grösste unter ihnen über die Lehne gesprungen und zieht seiner Schwester von hinten an den Haaren. Meine Mutter hätte jetzt gesagt "Bis einer heult!" und sie hätte Recht gehabt. Große Krokodilstränen laufen dem kleinen Mädchen über die Wange als sie nun neben ihrer Mutter steht, die ihr abwesend über den Kopf streichelt und sie wieder zurück zu den anderen Kindern schickt.

Man unterhält sich über die neusten Sportergebnisse. Die Pittsburgh Steelers werden dieses Jahr hoffentlich die Meisterschaft gewinnen. Allgegenwärtig sind die T-Shirts mit den Lettern PIT mit denen man seine Verbundenheit zur Stadt Pittsburgh sowie zu den Steelers signalisiert. Die Männer unterhalten sich weiter, während die Mütter versuchen ihre Kinder einzufangen und sich zum Aufbruch bereit machen. Die Kellnerin kommt mit mehreren Plastiktüten an, die sie den Männern in die Hand drückt. Da es nicht so aussah, als wären beim Essen irgendwelche Reste geblieben, tipp ich auf Take-Out fürs Abendessen.  Bei der Aufforderung „Honey, kümmerst Du Dich bitte heute ums Abendessen“ geht es nicht darum, wer einkauft und kocht. Vielmehr geht es darum, wer losfährt und das Abendessen abholt. So isst man sich von Mexiko über Vietnam nach Japan und lernt die verschiedenen Kulturen auch ohne Reisepass kennen. 

 

Während ich noch meinen Gedanken nachhänge, ist mein Apfelkuchen kalt geworden und der süsse Inhalt meines Milkshakes ist zu einer klebrigen Masse erstarrt. Ich lasse den restlichen Apfelkuchen liegen und trinke noch einen letzten Schluck bevor mir die Kellnerin ungefragt die Rechnung auf den Tisch legt. „Whenever you are ready, hun’“ sagte sie noch und wendet sich auch schon dem Nachbartisch zu. Guter Service misst sich in den USA nämlich an der Geschwindigkeit mit der die Rechnung gebracht wird. Für meinen Applepie und Milkshake bin ich insgesamt bei knapp 15$ und hinzu kommen noch zwanzig Prozent Trinkgeld, was hier unausgesprochen Pflicht ist. Ich lege eine 20$ Note auf den Tisch und wende mich zum Gehen. Als ich aus dem Diner an die frische Luft trete, merke ich, dass der letzte Schluck das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Mir wird schlagartig schlecht. Der Milchshake liegt mir schwer im Magen und alles, woran ich denken kann:

 

Welcome to America!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0