Five minutes

Während draußen vor dem Fenster der warme Sommerregen auf den Asphalt fällt, genieße ich den Nachmittag auf der Couch mit einem Kaffee und einem Buch. An diesem Buch lese ich nun schon seit fast 12 Monaten. Irgendwie komme ich nicht richtig rein. Manche Bücher fesseln einen bereits beim Umschlagen der ersten Seiten. Nach Stunden blickt man auf  und bemerkt, dass man sich zuhause in den eigenen vier Wänden befindet. Dieses Buch ist anders. Und doch kann ich es nicht weglegen. Wenn ich die Seiten aufschlage und beginne zu lesen, dann drifte ich bereits bei den ersten Worten ab. Ich löse mich nicht auf in der Szenerie, die dort gerade beschrieben wird. Vielmehr  treibt mich das Geschriebene in die Welt meiner eigenen Erlebnisse. Nach dem ersten Absatz schliesse ich die Augen und tauche ab in die Strassen von Williamsburg, New York. 

 

Das Auto haben wir irgendwo in einer Seitengasse illegal geparkt, in der Hoffnung, dass wir es zum Einen wiederfinden und zum Anderen, dass es bis dahin nicht abgeschleppt wird. Der Freund eines Kollegen hat gerade zusammen mit seiner Band einen Plattenvertrag unterschrieben und gibt heute Abend in Williamsburg ein Konzert. Die Bar sieht von außen heruntergekommen aus, doch die Hipster mit ihren Fliegerbrillen und 80er Jahre Jeansjacken vor der Tür signalisieren, was diese Bar für heute Abend sein wird: The place to be. Wir trinken Bier, unterhalten uns und warten. Wir warten Stunde um Stunde. In fünf Minuten soll es losgehen. Wir warten. Um 1 Uhr kommen sie endlich auf die Bühne. Die beiden Franzosen Victor Solf und Simon Carpentier stehen zusammen mit zwei Background Musikern auf der kleinen Bühne. Die Luft ist stickig, das Licht gedimmt. Nur ihre Gesichter sind beleuchtet, als die beiden das Publikum begrüßen. Stunden zuvor hörte ich zum  ersten Mal die Melodien, die jetzt aus den Boxen dröhnen. Die Luft beginnt zu schwingen als sich alles sanft im Rhythmus der Musik bewegt. Als der letzte Song angestimmt wird, singen wir aus tiefstem Herzen „All I need is five minutes“. 

 

Wie oft sagen wir „Ich brauche noch fünf Minuten“. Fünf Minuten, um sich noch einmal umzudrehen, den Wecker auf snooz zu stellen. Fünf Minuten, um sich für den Abend fertig zu machen. Fünf Minuten, um einen Parkplatz zu finden, um den Weg vom Bahnhof zur Restaurant zu laufen. Ein Leben lang verwenden oder verschwenden wir unsere Zeit. Wir laufen ihr hinterher, wenn wir merken, dass wir sie falsch eingetauscht haben, wenn wir sie hätten besser nutzen können. Diese fünf Minuten noch. Doch irgendwann sind sie aufgebraucht Simon Carpentier verstarb wenige Monate später nach langer Krankheit. 

 

Ich lege das Buch zur Seite. Ich bräuchte noch fünf Minuten, um das Kapitel zu Ende zu lesen. Stattdessen nehme ich mein Handy und schreibe Anne, dass ich gerade an sie und unseren gemeinsamen Abend in Williamsburg denken musste. Diese fünf Minuten nehme ich mir jetzt. 


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Kommentare: 5
  • #1

    Beate (Sonntag, 05 August 2018 20:34)

    Ich freue mich schon auf die nächste Woche!!!!!
    Liebe Grüße
    Beate

  • #2

    Matthias (Montag, 06 August 2018 18:01)

    Dem schließe ich mich an :) LG Matthias

  • #3

    Karolina (Dienstag, 07 August 2018 10:28)

    Gänsehaut :)

  • #4

    Christian (Samstag, 11 August 2018 20:47)

    Mal wieder reingeschaut und gefreut, dass eine neue Geschichte vorhanden ist. Weiter so Nadine!! �

  • #5

    Barbara Marchesan (Dienstag, 14 August 2018 21:14)

    Hast das Buch fertig? Freue mich auf das nächste ��