Von kubanischen Gästezimmern

„Nee, hier bleib ich nicht! Hier schlaf ich keine Nacht. Ich will in ein Hotel. Du kannst alleine hier bleiben!“. Jaqueline, meine jüngere Schwester, dreht auf dem Absatz um und versucht das Taxi einzuholen, das gerade um die Ecke biegt und aus unserem Blickfeld verschwindet. Etwas besorgt und genervt zugleich versuche ich sie zu beruhigen.  „Wir gucken uns erst einmal das Zimmer an. Vielleicht ist das ja ganz nett. Ist doch richtig interessant mal zu sehen, wie die Kubaner leben, oder nicht?“. Den Versuch aufgebend, das Taxi einholen zu wollen, kommt sie schnaubend auf mich zu und sagt mit gefährlich hoher Stimmte: „Ich bleib hier keine Nacht. Du kannst ja gerne hier bleiben, aber ich suche mir jetzt ein Hotel.“ 

 

Als wir vor ein paar Tagen einer Kellnerin in unserem Hotel in Varadero von unserem Vorhaben erzählten nach Havanna zu fahren, bot sie uns sogleich an ein Zimmer bei ihrer Tante zu organisieren. Diese hätte ein Gästezimmer, das sie vermieten würde. Begeistert von der Aussicht das kubanische Leben hautnah mitzuerleben, stimmten wir zu und erhielten die Adresse der Tante in der Hauptstadt. Sie würde uns am Busbahnhof abholen. 

 

Mit dem Abhob-Service hat das leider nicht so geklappt. So stehen wir beide mit unseren Rucksäcken bepackt in diesem winzigen Hinterhof, der, zugegeben, ziemlich heruntergekommen aussieht. Mit viel Mühe kann ich Jacky überreden sich wenigstens das Zimmer anzusehen. Etwas unbehaglich ist mir schon zumute als wir in das geöffnete Fenster der Parterrewohnung schauen und einen älteren Herrn beim Fernsehgucken stören. Ich frage in spärlichstem Spanisch nach der Frau mit dem Gästezimmer. Der nette Mann strahlt mich mit seinem zahnlosen Lächeln an und zeigt die Stahltreppe hinauf zu den oberen Etagen. Etwas vorsichtig klettern wir die schmalen Stufen hoch und stehen plötzlich vor einer Gittertür, hinter der uns ein junges Mädchen mustert. „Hola“ sage ich etwas hilflos. „Hola! You here for room?“ fragt sie im schwachen Englisch. „Yes, yes, we here for room!“ sage ich und frage mich zugleich, warum ich nicht im grammatikalisch korrektem Englisch antworte, das ich durchaus sprechen kann. Innerlich schüttel ich den Kopf über mich selbst. Das junge Mädchen öffnet uns die Tür und weist uns den Weg zum Gästezimmer. Sie erklärt uns im rasanten Spanisch, dass es sogar eine Klimaanlage geben würde. Das ist wirklich schön, denke ich, und sehe im selben Augenblick, dass es dafür kein Fenster gibt. Zimmer ohne Fenster sind mir sehr suspekt. Man kann nicht sehen, ob draußen die Sonne scheint, es regnet oder schneit.  Naja, schneien wird's wahrscheinlich nicht. Jacky scheint dieser Umstand jedoch nicht zu stören, was mich etwas beruhigt. Ihre anfängliche Skepsis scheint sich gelegt zu haben als sie sich auf’s Bett wirft und sagt „Ich schlaf hier. Du kannst die andere Seite haben.“. Etwas vorsichtig frage ich: “Also bleiben wir doch hier und suchen uns kein Hotel?“. Mit dem Anflug eines leichten Lächelns sieht sie sich im Raum um. „Naja, so schlimm ist es nicht. Und die Wände sind rosa. Das finde ich irgendwie ganz cool“. Ich muss schmunzeln und freue mich auf die nächsten drei Tage. Mal sehen, was Havanna außer rosa Wänden noch alles so zu bieten hat…

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Kommentare: 3
  • #1

    Beate (Samstag, 08 September 2018 19:27)

    Es gefällt mir wieder sehr gut.......schöne Geschichte.

    Muchos saludos

  • #2

    Karolina (Montag, 10 September 2018 12:56)

    Die Wände sind rosa hahahahaha... das ist so typisch Jacko :)

  • #3

    Rosalie (Mittwoch, 12 September 2018 12:02)

    Was für eine herrliche Geschichte :)