Herbsttage in Sao Paulo

Die Fenster sind geöffnet. Der Duft von frisch gekochtem Gemüse zieht an diesem Samstagmittag durch meine kleine Wohnung im Hamburger Stadtteil Barmbek. Gerüchte haben so eine magische Wirkung. Sie besitzen die Kraft mich durch die Zeit zu führen hin zu Erlebnissen aus meiner Vergangenheit, die irgendwo ganz versteckt in mir schlummern. An diesem Tag versetzt mich der Duft von Mais sechs Jahre zurück und vor meinem geistigen Auge überquere ich den Atlantik bis ich in den Strassen von Sao Paulo lande. 

 

Die Tür fällt hinter uns ins Schloss und zusammen mit Anna verlasse ich in Shorts und Flip Flops das Haus, ein paar brasilianische Reais in der Hand. Anna und ich sind für ein Austauschsemester in Brasilien und teilen uns zusammen eine Wohnung. Wir schlendern bis zum Ende der Strasse, die unser Apartment mit der Universität verbindet. Wie jeden Abend steht ein junger Brasilianer mit seiner rollenden Garküche auf dem Bürgersteig während der Duft von Butter und Mais die Gassen hinunterzieht. Wir holen uns eine Schale und löffeln den gekochten Mais noch bevor er kalt werden kann. Bei jedem Happen rieche ich die geschmolzene Butter, die sich mit dem Salz mischt und allem einen fettigen Schimmer verleiht. An diesem Abend wird es langsam kühler. Die Sommertage sind fast vorbei, der Herbst hat bereits sein Kommen angekündigt. Die Brasilianer tragen schon festes Schuhwerk und dicke Pullis unter ihren Jacken. Nur die beiden deutschen Austauschstudentinnen sind noch in T-Shirts und Havaianas unterwegs. Für Brasilianer ein eindeutiges Zeichen für Touristen! 

 

Das Ende unser Zeit in Sao Paulo naht und wir genießen die Abenden auf der Rua Itapeva mit ihren kleinen Strassenständen. Der ältere Herr, der immer am Abend an der Ecke Avenida Paulista stand, hat bereits gepackt und ist zurück nach China geflogen. Den brasilianischen Sommer verkauft er gebratenen Nudeln auf den Strassen in der Innenstadt, um die Wintermonate bei seiner Familie in China zu sein. In fünf Monaten wird er wiederkommen. So wie jedes Jahr. Nur werden Anna und ich dann nicht mehr da sein. 

 

Gerüche ziehen einen mit sich mit. Für einen kurzen Augenblick spielt sich eine Szenerie vor dem inneren Auge ab, wie ein Tagtraum, und versetzt uns in eine andere Welt. Doch sobald man die Augen wieder aufschlägt ist der Moment vorüber. Ich höre das brodelnde Wasser in den Töpfen und im nächsten Moment kocht es auch schon über. Mit dem Geschirrhandtuch schiebe ich in Gedanken verloren den Topf vom Herd. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Anna (Montag, 24 September 2018 18:01)

    Oh Nadine, als ich deine Geschichte gelesen habe fühlte es sich so an als ob die Zeit für einen kurzen Augenblick zurückgedreht war. Ich freue mich schon auf ein weiteres Abenteuer aus unser gemeinsamen Zeit!

  • #2

    Karo (Donnerstag, 11 Oktober 2018 17:05)

    :-) Diese schönen Tagträume :)