Crafting in Gympie

Meinen mangelnden Englischkenntnissen habe ich es wohl zu verdanken, dass ich nun hier sitze. Noch etwas verwundert betrachte ich gedankenverloren das Glas in meinen Händen. Um mich herum herrscht lautes Treiben. Es wird gelacht, getratscht und Kuchen gegessen. Mir wird Kaffee nachgeschenkt und schwups landet ein weiteres Stück Apple Pie auf meinem Teller. Eine freundlich dreinblickende Dame haut mir gekonnt ein Pfund Schlagsahne drauf. In diesem kleinen Örtchen namens Gympie an der australischen Ostküste sitze ich nun an diesem freundlichen Sonntag  und bemale Gläser. 

 

Seit einer Woche bin ich bei Margret und ihrem Mann und unterstütze bei der Hausarbeit. Woofing nennt sich das Ganze: Willing Workers on Organic Farms. Übersetzt bedeutet das, ich arbeite für ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit am Tag. Teilweise kann man dabei harte Knochenarbeit leisten- wir Backpacker sind ja billige Arbeitskräfte! Mit Margaret habe ich es jedoch sehr gut getroffen. Für das bisschen Bügeln am Abend und den Abwasch habe ich meinen eigenen Bungalow bekommen und den Shrimpscocktail, den ihr Mann zum Abendessen als Aperitif vorbereitet, ist auch köstlich. Aber am meisten freue ich mich über diese Tür, die ich hinter mir schließen kann. Zack ziehe ich sie ins Schloss und habe meine Ruhe. Nie hätte ich gedacht, dass man mich mit Privatsphäre so glücklich machen kann. Ein Privileg, dass ich seit über zwei Monaten nicht mehr hatte. Für den Moment sind die Nächte in Schlafsälen in den Jugendherbergen vergessen.

 

Als ich heute Morgen am Frühstückstisch saß, fragte mich Margaret, ob ich Lust hätte am heutigen Sonntag mit zum Crafting zu kommen. Mein Englisch ist nun nicht allzu schlecht, jedoch hatte ich keine Ahnung, was dieses Crafting sein sollte und stimmte freudig zu. Crafting bedeutet auf Deutsch Handarbeit. Oder in meinem Fall: Knapp zwanzig Damen jenseits der Sechzig, die sich an einem Sonntag zum gemeinsamen Kaffeeklatsch treffen und dabei Gläser bemalen. Neben mir sitzt Grace, die mit ihren 86 Jahren heute die Älteste ist. Sie erklärt mir geduldig, wie ich das Glas am Besten zu bemalen habe und wer hier mit wem verwandt, verschwägert und zerstritten ist. Während Grace mir noch erklärt, dass Luise seit einem Familienstreit nicht mehr mit Eleanor spricht, setzt sich eine fröhlich zwitschernde Damen neben mich. An Grace gewandt sagt sie „Ach hört doch auf diese Geschichte immer wieder aufzuwärmen. Das interessiert doch keinen!“ Lächelnd schaut sie mich an. „Honey, ich habe gehört, dass Du aus Deutschland kommst und bei Margaret zu Gast bist. Ich arbeite für die lokale Zeitung und würde gerne über Dich schreiben.“ Perplex schaue ich sie an und lächle etwas dümmlich. Ist das hier versteckte Kamera? Bekomme ich gleich Eleanors Sahnetorte ins Gesicht geklatscht? Nachdem ich mich wieder gefangen habe, erzähle ich ihr bereitwillig, dass ich seit zwei Monaten unterwegs bin und vor habe ein ganzes Jahr durch Australien zu reisen, hier und dort zu arbeiten und an Land und Leuten interessiert bin. Fleissig macht sie sich Notizen und bedankt sich nach zwanzig Minuten für das Gespräch. Mit unseren Gläsern bepackt machen Margaret und ich uns auf den Weg zurück, wo ihr Mann auch an diesem Abend wieder seinen Shrimpcocktail vorbereitet hat.

 

Zwei Tage später legt mir Margaret die lokale Zeitung auf den Küchentresen...

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Beate (Sonntag, 07 Oktober 2018 14:09)

    Sehr schön, hab wieder gelacht!!!

  • #2

    Marie (Sonntag, 07 Oktober 2018 19:56)

    Ach wie schön! Ich fand die Geschichte ganz zauberhaft.

  • #3

    Karo (Donnerstag, 11 Oktober 2018 17:02)

    Mal wieder eine tolle Geschichte :)