Aufbruch ins Ungewisse Teil 2

Wenn man sich mit 19 Jahren in die grosse, weite Welt begibt, dann erwartet man Abenteuer. Grosse Abenteuer, die einen ein Leben lang in Erinnerung bleiben und den Charakter schulen. Man will die Möglichkeiten auskosten, die sich einem bieten. Man will frei sein, Entscheidungen treffen, an Erfahrungen wachsen. Man ist voller Energie und Tatendrang und will die Welt verändern. Und man will allen zeigen, dass man erwachsen ist.

 

Damals fühlte es sich an wie ein Ritterschlag. Nach den Jahren des Paukens, den stressigen Abschlussprüfungen kam jetzt die langersehnte Belohnung. Wir dachte, uns würde die Welt gehören. Man hatte nur darauf gewartet, dass wir im Sommer 2007, unser Abitur in der Tasche, die Welt mit unser Anwesenheit bereichern würden. Und dann kam alles doch ganz anders…

 

Bei meiner Ankunft im australischen Melbourne war ich noch höchst euphorisch. Voll bepackt und leicht beflügelt zeigte ich bei der Einreise mein Work & Travel Visum vor, das mich berechtigte für die nächsten zwölf Monate in Australien einer Arbeit nachzugehen. Als ich erschöpft einige Stunden später im Hostel ankam und mein Zimmer sah, schlug mir die Realität mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich stand in einem zehn-Bett-Zimmer ohne Fenster und der Geruch von ungewaschenen Socken nahm mir jede Luft zum Atmen. Ich lege meinen Rucksack ab und suchte den nächsten Handy-Shop, um mir eine australische Sim-Karte zu kaufen. Als nach mehrmaligem Klingeln die Stimme meiner Mutter erklang, liefen mir die Tränen sturzartig über die Wangen. Ich stand heulend zwischen all den Menschen in der Fussgängerzone und sagte meiner Mutter, dass ich nach Hause wolle. So schnell holt einen die Realität manchmal ein. Die Welt war mir auf einmal zu gross geworden und ich wollte zu Mama. Ich wollte wieder das, was mir bekannt und vertraut war. Während ich so dastand, beäugt von besorgt dreinblickenden Passanten, versuchte meine Mutter mich zum Bleiben zu überreden. „Du bist müde und musst erst einmal richtig ankommen. Geh mal ins Hostel und lerne Leute kennen. In drei Monaten kommen wir und reisen gemeinsam rum. Das wird toll. Und bis dahin hast Du eine schöne Zeit!“. Und Mama sollte Recht behalten.

 

Als ich kurze Zeit später die Kommunikationszone des Hotels betrat, steuerte ich auf den ersten besetzten Tisch zu: „Hallo my name is Nadine. I’m from Germany. Can I sit here?“. Und schon war der erste Schritt getan. Nach über zehn Jahren kann ich heute immer noch einige der damals an diesem Tisch sitzenden Backpackers zu meinen Freunden zählen. Über die Jahre hinweg besuchten wir uns gegenseitig, verbrachten Sylvester in Paris, unternahmen Kurztrips nach New York und Chicago oder trafen uns in Maastricht. Es kam in diesem Jahr alles ganz anders als erwartet und die Erfahrungen ebbten den Weg, den ich später einschlagen sollte. 

 

Das Leben verläuft nie so, wie man es sich wünscht oder geplant hat. Und gerade deshalb ist es so aufregend und einzigartig.  Man weiss nie, was sich hinter der nächsten Entscheidung verbirgt. Welchen Weg schlägst Du als nächstes ein? 

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