Ein Moment der Ruhe in Jerusalem

Die Restaurierungsarbeiten an der alten Mauer sind an diesem Mittwochnachmittag noch in Gange. Zwei Bauarbeiter sichern die Leiter während ein Dritter mit der Bohrmaschine hantiert. Ein vierter beobachtet das Geschehen. Da zwängt sich eine ältere Dame mit ihrem Gehstock zwischen den Gittern der Absperrung hindurch. Das Kopftuch verdeckt fast vollständig ihre getrübten Augen. Trotz der Gehhilfe nähert sie sich der Mauer festen Schrittes. Als sie vor der über zweitausend Jahre alten Steinwand steht greift sie mit der zitternden Hand in die Tasche ihres Rockes und entnimmt einen gefalteten Zettel. Mit ihren zierlichen Finger steckt sie das Papier in eine kleine Kerbe im Stein, hält einen Moment inne und dreht sich um. Als sie auf mich zukommt haben die anwesenden Touristen längt die Gitterabsperrung zur Seite geschoben und strömen auf die Klagemauer zu. Wie angewurzelt stehe ich da als die alte Frau ihren Blick senkt und an mir vorbei geht. 

 

 

Die Eindrücke aus den letzten Tagen prasseln jede Nacht in meinen Träumen auf mich nieder. Israel ist getränkt von Kultur und Geschichte. Doch ebenso sind die Widersprüche allgegenwärtig. Ganz besonders markant ist der religiöse Gegensatz. Islam, Judentum und das Christentum finden alle ihren Ursprung in Jerusalem und beansprucht diese Stadt für sich. Vom Tempelberg stieg der Prophet Mohammed in den Himmel auf. Jesus Christus wurde in Jerusalem gekreuzigt und ist von dort auferstanden. Dann wiederum ist der Tempelberg ein Symbol des Bundes zwischen Gott und den Juden. Jerusalem scheint wie ein Scheidungskind, wenn man sich durch die steinernen Gassen bewegt.  Hin und her gerissen zwischen den Religionen, sind die Spannungen in der Stadt fast physisch greifbar. Ich bin fasziniert und beängstigt zugleich. Während der Mann an der Ecke einer jungen Mutter Gewürze verkauft, wird daneben eine Gruppe von Musliminnen von schwer bewaffneten Polizisten rabiat kontrolliert. An diesem Abend schlafe ich, überwältigt von den Geschehnissen des Tages, in wenigen Minuten ein. Ein letzter Gedanken überkommt mich, bevor ich die Augen schließe „Ob es jemals Frieden geben wird?“.

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